Rund 200.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an
Krebs. Viele davon könnten möglicherweise länger leben, wenn eine der
häufigsten Komplikationen dieser Erkrankung frühzeitig behandelt würde:
die Mangelernährung. Darauf machten im Februar 2010 führende Onkologen
und Ernährungsmediziner aufmerksam. Sie plädierten auf dem 29.
Deutschen Krebskongress in Berlin für eine regelmäßige Erfassung des
Ernährungszustands der Krebspatienten, um durch Ernährungsberatung und
-therapie rechtzeitig gegensteuern zu können.
Fünfzehn bis 40 Prozent aller Tumorpatienten leiden – so die Chefärztin
der Klinik für Onkologie und Hämatologie des Krankenhauses Nordwest in
Frankfurt, Prof. Dr. Elke Jäger – unter ungewolltem Gewichtsverlust, in
fortgeschrittenen Krankheitsstadien sogar bis zu 90 Prozent. Dennoch
wird eine Ernährungstherapie oft zu spät eingeleitet, beklagte der
Ernährungsmediziner Dr. Matthias Pirlich.
Zwei Ursachen nennt der Chefarzt der Berliner Evangelischen
Elisabeth-Klinik dafür: Zum einen seien das Screening des
Ernährungszustandes und die Erfassung eines ungewollten
Gewichtsverlustes mit entsprechenden Verlaufskontrollen sowohl in
deutschen Krankenhäusern als auch im ambulanten Bereich noch immer
nicht Standard. Zum anderen seien Ärzte und Pfleger durch die
zunehmende, oft medizinisch unbegründete Kritik an künstlicher
Ernährung verunsichert.
Prof. Dr. Elke Jäger verdeutlichte die Folgen einer Mangelernährung:
die Abwehrkräfte des Körpers würden geschwächt, die Tumortherapie
schlechter vertragen, Lebensqualität und Lebensdauer beeinträchtigt.
Die Mediziner betonten einerseits, zwar sei unstrittig und
gesellschaftlich akzeptiert, dass künstliche Ernährung bei schweren
Erkrankungen, bei denen Aussicht auf Besserung bestehe, eingesetzt
werden soll, weil sie die Behandlungs- und Lebensqualität verbessere.
Andererseits werde unterstellt, dass künstliche Ernährung insbesondere
durch Sondennahrung den natürlichen Tod hinauszögere und damit das Leid
Schwerstkranker unnötig verlängere.
Angesichts dieses Spannungsfelds werde die Ernährungstherapie oft zu
spät eingeleitet und damit die Chance auf eine Förderung von Genesung
oder Verbesserung der Lebensqualität vertan. In der Spätphase einer
weit fortgeschrittenen unheilbaren Krebserkrankung werde sie dagegen
oft zu lange fortgesetzt. Daher gelte es, die Indikation zur
Ernährungstherapie mit Trink- oder Sondennahrung während einer
onkologischen Therapie immer wieder neu zu prüfen. Insbesondere in der
Palliativversorgung müsse die Therapie dem Wunsch des Patienten
angepasst werden. Dr. Pirlich brachte dieses ethische Dilemma mit den
Worten auf den Punkt: „Am Anfang zu wenig – am Ende zu viel.“
Die Hersteller von Trink- und Sondennahrung sehen diesen Zwiespalt, in
dem sich Ärzte und Pflegekräfte befinden, als Herausforderung, betonte
Norbert Pahne, Geschäftsführer des Bundesverbands der Hersteller für
eine besondere Ernährung (Diätverband). Schon vor zwei Jahren hat der
Verband daher die Aktion
„Ungewollter Gewichtsverlust – jeder Krebspatient muss auf die Waage“
ins Leben gerufen, um Ärzte, Patienten und pflegende Angehörige für die
Bedeutung und negativen Folgen eines ungewollten Gewichtsverlust zu
sensibilisieren sowie adäquate stufenweise ernährungsmedizinische
Strategien zu thematisieren. In Zusammenarbeit mit der Deutschen
Krebsgesellschaft sowie der Deutschen Gesellschaft für
Ernährungsmedizin (DGEM) hat der Verband daher unter anderem
Gewichtserfassungskarten und eine Software entwickelt, die es
erleichtert, die Ernährungssituation und den Gewichtsverlauf
systematisch zu erfassen. Der Diätverband kündigte an, dass er sich
offensiv in die ethische Diskussion um künstliche Ernährung einbringen
will.
Quelle: Pressemitteilung 2/2010 vom 24.02.2010 des Diätverbandes e.V.
www.diaetverband.de